Die Alten Pflichten

Zwischen 1721 und 1723 verfasste der presbyterianische Pastor, Doktor der Theologie und der Philosophie James Anderson im Auftrag der Großloge von England ein Konstitutionsbuch. Der hierin unter dem Titel „The Charges of a Free-Mason“ („Die Pflichten eines Freimaurers“) enthaltene Normenkanon gilt seither als maßgebliche Grundlage mit verfassungsähnlichem Rang nicht nur der englischen, sondern der gesamten „regulären“ Freimaurerei.

Wenngleich es diskussionswürdig erscheinen mag, in wie weit ein Text aus dem Jahre 1723, der mehr oder minder deutlich die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen seiner Zeit widerspiegelt, die Grundsätze einer modernen und zeitgemäßen Freimaurerei im Ausgang des 20. Jahrhunderts noch hinreichend präzise zu beschreiben vermag, so haben bestimmte Kernausagen ihre Bedeutung doch bis heute bewahrt und bilden nach wie vor einen wichtigen und durchaus lebendigen Teil unseres Selbstverständnisses. 

Dies trifft insbesondere auf das erste Hauptstück „Concerning God and Religion“ („Von Gott und der Religion“) zu, welches – ganz im Gegensatz zu der durch den Titel geweckten Erwartung – den Maurer keineswegs auf ein religiöses Bekenntnis festlegt, sondern Glaubens- und Gewissensfreiheit postulierend, die Mitglieder des Bundes zu Toleranz und Freundschaft verpflichtet. 

Im Nachfolgenden wird der Text sowohl in einer modernen Übersetzung, als auch in der englischen Originalfassung von 1723 zitiert: 

I. Von Gott und der Religion

Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute hält man es jedoch für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besondere Überzeugung selber zu belassen. Sie sollen also gute und rechtschaffende Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst beständig fremd geblieben wären.

(aus „Die Alten Pflichten von 1723“, in neuer Übersetzung herausgegeben von der Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland, Verlag DIE BAUHÜTTE BONN, 12. Aufl. 1996)